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Auf dem Parkplatz

Jürgen B. Greulich 


Warten wurde Carolins Hauptaufgabe in den Tagen nach der Begegnung im Park, warten auf eine E-Mail Simons. Die Tage im Büro spulten herunter wie ein mittelmäßiger Film, bedeutungslos, die Kollegen waren Statisten, austauschbar, nur da, um die Kulisse zu füllen. Sie redete mit ihnen, lachte über die flauen Scherze und war gar nicht anwesend, hatte nur ihre Hülle geschickt, den Kokon, aus dem die »neue Carolin« geschlüpft war (oder noch schlüpfte), doch fiel es niemandem auf, da der Kokon wie gewohnt funktionierte und man mehr nicht erwartete. Zu Hause war sie geborgen, hier wohnte Simons Geist, er offenbarte sich im roten Kleid, das außen am Schrank hing, Erinnerung und Verheißung zugleich, und er entströmte Simons Geschichten, die sie ausgedruckt hatte, jeweils acht Seiten. Diese Frau in den Erzählungen, die Helen hieß, war faszinierend, ergeben erfüllte sie jeden Wunsch und jeden Befehl, ohne sich jedoch aufzugeben, sie blieb Person, tiefer, glühender, lebendiger, vielschichtiger, vielleicht gar selbstbewusster als die Menschen, die Carolin kannte, das Geschöpf einer perversen Phantasie und doch mehr als eine imaginäre Figur, nämlich eine Möglichkeit …Jeden Abend schaltete sie den Computer ein und schaute nach, ob es endlich eine Nachricht von Simon gab, jeden Abend vergebens, eine ganze Woche lang. Aber dann, am Freitagabend, wurde die Hoffnung erfüllt, fast hatte sie nicht mehr darauf zu hoffen gewagt. Sie las den Text mit pochendem Herzen: »Hallo Carolin, ich denke oft an dich, ich denke gern an dich. Nur leider werde ich ab Montag weniger Zeit für Gedanken an dich finden, da ich wieder mal für einige Tage bei der Messe beschäftigt bin auf dem Parkplatz Süd, du kennst ihn ja. Es wäre schön, wenn du mich mal besuchen würdest.«
Natürlich kannte sie den Parkplatz Süd, dort hatte sie Simon kennen gelernt vor ungefähr einem halben Jahr, sie waren für kurze Zeit Kollegen gewesen, er Parkplatzeinweiser und sie auch, bevor sie den Job bei der Messeverwaltung bekommen hatte. Und natürlich würde sie ihn besuchen, gleich am Montag; ein wohliges Kribbeln begleitete sie durch den Abend, selten hatte sie das Ende des Wochenendes herbeigesehnt, dieses aber war viel zu lang.
Sorgfältiger als sonst machte sie sich für die Arbeit zurecht, duschte am Morgen gleich nach dem Aufstehen, was sie selten tat, schminkte die Lippen, legte das dunkle Parfüm auf, nicht das leichte für leichte Abende und jeden Tag, wählte die Kleidung sorgfältig aus, entschied sich für einen kurzen schwarzen Faltenrock und eine dunkelrote Bluse, mit Rüschen besetzt, sehr feminin. Die oberen beiden Knöpfe ließ sie offen, verstohlen lugte der Spitzensaum des schwarzen BHs hervor. Die Sonne schien, es war frühlingshaft warm, frisches Grün spross an Bäumen und Sträuchern, es war, also wolle der Himmel beste Voraussetzungen für das Treffen mit Simon schaffen. An diesem Tag war nicht nur ihr Kokon im Büro, sondern die ganze Carolin, ihre erwartungsvolle Stimmung blieb nicht verborgen. Hübsch sehe sie aus, sagte eine Kollegin und fragte, ob es heute etwas Besonderes gebe. Nein, schwindelte sie, es sei ein ganz normaler Tag, sie scheute sich mitzuteilen, dass sie sich auf einen Parkplatzeinweiser freute, da diese im Büro in keinem hohen Ansehen standen. Sie fühlte sich feige, fühlte sich wie Petrus, der seinen Messias verleugnet hatte, und verleugnete zugleich sich selbst, ihre Gedanken, ihre Gefühle, denn dachte sie an Simon, kam ihr unweigerlich dessen Helen in den Sinn, fühlte sie sich fast wie diese, und tauchte das Bild des Parks auf, die Bank, die rauschhafte Lust; fest waren diese Assoziationen mit seinem Namen verknüpft, spräche sie ihn aus, würden auch sie offenbar, so glaubte sie und schwieg lieber.
Kurz vor der Mittagspause kochte sie Kaffee, füllte ihn in die mitgebrachte blaue Thermoskanne, nahm sie bei Pausenbeginn mit zu ihrem Auto und fuhr zum Parkplatz Süd, der sich am anderen Ende des Messegeländes befand, zu weit entfernt, um zu Fuß zu gehen. Vielleicht wäre ein Spaziergang doch besser gewesen, die Straße war verstopft, der Besucherandrang groß, im Schritttempo kam sie nur voran, eingereiht in eine lange blecherne Schlange. Der Parkplatz Süd war belegt, ein Einweiser stand mitten in der Einfahrt und schickte die Autos weiter, versuchte auch sie abzuwimmeln. Sie kannte ihn nicht, es war ein Neuer, sie wechselten so schnell wie die Launen ihres Chefs, er war jung, hatte langes Haar, forderte sie wild winkend zur Weiterfahrt auf. Sie kurbelte die Scheibe herab und fragte nach Simon, seinem Kollegen. Einen Simon kannte er nicht, kannte gar niemand hier mit Namen, aber ein Kollege sei hier, ja, irgendwo müsse er sich herumtreiben. Sie durfte passieren und er versperrte wieder die Einfahrt, verscheuchte fluchend die nächsten Fahrer, die ihr gleich folgen wollten, es war wieder hektisch heute.
Aber offenbar nicht für jeden: Sie fand Simon im Schatten eines kleinkronigen jungen Baumes auf einem Plastikstuhl, er drehte sich eine Zigarette, sah komisch aus in der leuchtend grünen Weste, die alle Einweiser trugen. Er freute sich über ihren Besuch und den Kaffee, trank ihn mit Zucker, ohne Milch, sie würde es sich merken. Sie war seltsam, diese erste Begegnung nach dem Abend im Park, sie fühlte sich gehemmt, wünschte sich, dass Simon weniger reserviert sein möge, weshalb war er so weit weg, unerreichbar? Schwer wie ein Stein saß er auf seinem Stuhl, ratlos stand sie vor ihm, um Worte verlegen. Nichts anderes fiel ihr ein als die banalen Worte: »Ist ja wieder einiges los heute.«
»Das übliche Chaos«, sagte er und fügte mit Blick auf ihr Dekolleté wie beiläufig hinzu: »Mach noch einen Knopf mehr auf.« Einen kleinen Augen währte ihr Zögern, dann tat sie, was er wollte, und bekam zu hören: »In Zukunft wirst du keinen BH mehr tragen, wenn wir uns treffen.«
Es war keine Bitte, es war eine Anweisung, Carolin nickte stumm.
»Hast du ein Höschen an?«, wollte Simon wissen.
»Natürlich«, antwortete sie, dachte an Freitag und begriff, dass es so natürlich gar nicht war.
»Wie sieht es aus?«
Sie beschrieb es zögernd: »Es ist schwarz und klein, mit Spitzen besetzt, halb durchsichtig.«
»Gib’s mir!«, sagte er.
Ihm geben? Hier? Jetzt? Natürlich hier, natürlich jetzt! Sie schaute sich um, sah seinen Kollegen ein ganzes Stück weit entfernt, er kehrte ihnen den Rücken zu, wurde in Atem gehalten von den schimpfenden Autofahrern, die endlich parken wollten, nicht weiterkriechen im zähen Stau. Einige Besucher verließen die Messe und gingen zum Auto, aber keiner kam in ihre Nähe. Sie griff mit beiden Händen unter den Rock, streifte das Höschen hastig ab, zog es über die Schuhe, richtete sich auf und reichte es Simon, der es in die Seitentasche seiner uniformähnlichen schwarzen Jacke steckte. Hatte jemand etwa bemerkt? Es schien nicht so, niemand schenkte ihr Beachtung, soweit sie sah.
»Komm näher«, sagte er und sie trat nah vor den Stuhl, so nahe, wie er vor ihr gestanden hatte im nächtlichen Park. Ihr nacktes Knie berührte seine schwarze Hose, ihr Herz pochte aufgeregt, sie wollte sein Gesicht berühren, ihn streicheln, doch stand ihm danach nicht der Sinn. »Leg deine Hände auf den Rücken, als seien sie gefesselt«, sagte er und sie tat es, verschränkte sie fest ineinander, damit sie sich nicht gleich wieder lösten, schaute zu ihm hinab, sah nur ihn, sonst nichts, ihn und seine Hand, die sich unter ihren Rock schob und zielstrebig zwischen ihre Beine glitt, als wären sie ganz alleine irgendwo in der dämmrigen Abgeschiedenheit eines Zimmers. Grob packte er zu, entfachte loderndes Feuer, entriss ihr Seufzer der Lust, nicht zurückzuhalten. »Die fremden Blicke und Hände«, sagte er in Anspielung auf ihre Offenbarung. »Manchmal werden Träume wahr, halbwegs zumindest, denn eigentlich hast du zu viel an.« Verlangte er etwa einen Striptease von ihr, hier mitten auf dem Parkplatz? Nein, das nicht, ihre Lust aber, die wurde enthüllt von der harten, zärtlichen, aufreizenden Hand, die sie schmelzen ließ. Sie kämpfte nicht mehr an gegen die sinnlichen Seufzer, ihr Kopf legte sich zurück, die Lippen öffneten sich, die Hüften kreisten, verschränkt blieben die Hände auf dem Rücken wie festgekettet. »In Zukunft ziehst du kein Höschen mehr an, wenn du weißt, dass wir uns begegnen«, hörte sie Simon sagen. »Immer wenn ich dich sehe, will ich wissen, dass du unter dem Rock nackt bist.« Es waren Worte, die wie eine Verheißung klangen, das Versprechen einer Zukunft voller Erwartung und deren Erfüllung, süße Leidenschaft.
»Ich werde alles tun, was du willst«, keuchte sie.
Ein Finger schob sich in ihre brennende Muschi, krümmte sich, ließ sie stöhnen. »Und du wirst dich in meiner Gegenwart nicht mehr auf den Rock setzen, wirst ihn hochschlagen wie im Park, wirst auf dem nackten Po sitzen und die Knie öffnen zum Zeichen deiner Ergebenheit.«
»Ja, das werde ich«, seufzte sie, erfüllt von schauriger Scham. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie zwei Männer stehen bleiben und verwundert herüberschauen, Blicke der Welt, die sie im Begriff war zu verlassen. Sie schloss die Augen, spürte, wie sich ein zweiter Finger den Weg in ihren Schoß bahnte, ging halb in die Knie, folgte den aufreizenden Bewegungen wie eine Marionette den Fäden, konnte sich nicht widersetzen, wollte es nicht, wieso auch, weshalb sich sträuben gegen das Glück?
Ein grässlich lautes Tuten zerriss die Sinnlichkeit wie ein Fanfarenstoß, das Funkgerät in Simons Brusttasche! Die Finger verließen sie, er nestelte es hervor, meldete sich, wurde von seinem Chef zu einem anderen Parkplatz gerufen. »Bin schon unterwegs«, sagte er. Tief atmend stand Carolin vor ihm, die Hände noch immer auf dem Rücken, verlangend wiegten sich die Hüften. Doch hatte Simon keine Zeit mehr für sie. Er stand auf, streichelte über ihr Haar, die beiden Finger, die eben noch ihre Muschi verzückt hatten, schoben sich in ihren Mund, sie lutschte an ihnen wie an Boten des Glücks. »Du bist ein Traum«, sagte er und schwang sich auf sein schwarzes Fahrrad, radelte los mit seiner Raucherlunge, die bei der ersten kleinen Steigung angestrengt pfeifen würde.
Seufzend nahm sie die Hände vom Rücken, wie aus einem Traum erwacht, der sie selbst war, wie sie gehört hatte. Ob die Männer noch immer herüberstarrten, wusste sie nicht, wollte sie nicht wissen, sie blickte Simon nach, der unten an der Einfahrt um die Ecke bog, mit ihrem Höschen in der Jackentasche. Die Lust hatte er nicht mitgenommen, sie verblieb wie Glut in ihrem Schoß, sehnsüchtig beleckte ihre Zunge die geöffneten Lippen. Doch konnte sie nicht hier stehen bleiben wie eine verlassene Geliebte (oder wie ein Gegenstand, der nicht mehr gebraucht wurde?), sie setzte sich ins Auto und zuckelte im dichten Gewühle zum Büro zurück.
Es war leer, noch niemand von der Pause zurück – doch, einer war da: Simon, der ihren Gedanken Gesellschaft leistete. Sie dachte an seine Worte, seinen Wunsch, seine Anweisung, seinen Befehl, hob den Rock, bevor sie sich setzte, fühlte das Polster des Stuhls am nackten Po, wünschte sich, dass er in sie käme und sie dahin führte, wo sie gewesen war auf dem staubigen Parkplatz unter dem Blick der fremden Männer. Was machte er nur mit ihr, aus ihr? Nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil, wen und was er aus ihr machte, wollte sie sein, nichts anderes mehr …

Copyright Jürgen B. Greulich 2004

 

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